Angelika Rainer: zwischen Leistungssport und Heimatverbundenheit

528

“Ich schätze mich sehr glücklich, das Klettern – das ich so liebe – nicht nur aus Leidenschaft sondern auch als Beruf zu leben!” Bereits im Alter von 10 Jahren erkundete die heutige Profi-Eiskletterin Angelika Rainer die Südtiroler Berge und entdeckte ihre Verbundenheit zur Natur und zum Klettern. Sie nahm an zahlreichen regionalen und internationalen Wettkämpfen teil, bis sie im Jahr 2007 ihr erstes großes Ziel erreichte: den 1. Platz beim Sportkletter-Italiencup der Damen. Zwei Jahre später konnte sich Angelika ihren Kindheitstraum erfüllen und wurde erstmals Eiskletterweltmeisterin in Saas Fee. 2011 und 2013 verteidigte sie ihren Titel. Gekrönt wurde ihre sportliche Karriere mit dem Gesamtsieg des Eiskletterweltcups 2012 und 2015. Nach einem durchwachsenen Jahr mit verletzungs- sowie krankheitsbedingten Pausen, möchte Angelika im Winter 2017 wieder angreifen. Das Motto: Voi Gas! Doch trotz Leistungssport und Weltcup-Trubel behält die in Meran geborene Athletin ihre Heimatverbundenheit bei. Wir haben mit der sympathischen Athletin, die trotz ihrer sportlichen Höhenflüge nie ihre Bodenhaftung verliert, folgendes Interview geführt.

Eine neue Eiskletter-Saison steht unmittelbar bevor. Bestimmt steckst du schon mitten in den Vorbereitungen. Was steht denn momentan hauptsächlich auf deinem Trainingsplan?
Ich bin bereits seit Anfang September in der Halle und mache Trockentraining mit den Eispickeln, also Klimmzüge und andere, anstrengende Kraft-Übungen. Außerdem gehe ich zum DryTooling an den Fels. DryTooling ist eine Trainingsvariante, bei der man mit dem Eiskletter-Equipment eine Felswand beklettert. Zudem trainiere ich an einer Kletterwand, auf der ich eigene DryTooling Griffe montiert habe.

Das hört sich sehr umfangreich und zeitaufwändig an. Wie viele Stunden verbringst du in der Kletterhalle bzw. beim Training am Fels?
Zur Vorbereitung trainiere ich meist in der Kletterhalle, 2-4 Mal pro Woche. Im Frühling an den Bouldern, um mich für das Felsklettern im Sommer in Form zu bringen. Im Herbst mit Eispickeln auf künstlichen DryTooling Griffen. Zusätzlich versuche ich 2-3 Mal pro Woche am Fels zu klettern.

Und “ganz nebenbei” hast du auch noch Agrarwirtschaft studiert. Verrätst du uns dein Geheimrezept, wie du Studium, Beruf und Berufung unter einen Hut bekommst?
Natürlich war es nicht immer leicht. Meine Leidenschaft galt schon immer dem Klettern. Daher habe ich sehr viel Zeit ins Training investiert und bin bereits während des Studiums bei Eiskletterweltcups an den Start gegangen. Gleichzeitig habe ich meinen Uni-Abschluss in Normalzeit und mit guten Noten absolviert. Mein Geheimrezept: Ein straffer, gut durchdachter Zeitplan, mit dem ich Tag für Tag zwischen Training, Uni, Lernen und natürlich auch Freizeit jonglieren konnte. Seit zwei Jahren bin ich Profi-Kletterin und schätze mich sehr, sehr glücklich, das Klettern – das ich so liebe – nicht nur aus Leidenschaft sondern auch als Beruf zu leben.

Thema Freizeit, Familie und Heimat: Du bist jobbedingt viel unterwegs, auch für längere Zeit. Du reist in ferne, aufregende Länder. Wie wichtig sind dir dabei deine Wurzeln und das Meraner Umfeld?
Ich bin sehr heimatverbunden. Zwar verreise ich wahnsinnig gerne und sehe mir die Welt an, komme aber auch immer gerne wieder nach Hause zurück. Ich brauche meine Wochen und Monate zu Hause, in denen ich Familie, Freunde und die heimatlichen, Südtiroler Berge genießen kann.

Und was unternimmst du am liebsten, wenn du Zeit hast? Hast du eine Lieblingsroute oder ein Lieblingsklettergebiet?
Zum Eisklettern finde ich Kanada fantastisch. Zum DryTooling gehe ich gerne nach Iseo, bei Brescia in Italien. Dort gibt es eine tolle, eigens dafür eingebohrte Höhle. Eines meiner Lieblingsklettergebiete ist Pian Schiavaneis in den Dolomiten, weil es so wunderschön gelegen ist. Außerdem fahre ich mindestens einmal im Jahr auf die griechische Insel Kalymnos zum Fels klettern, im Meer baden und Fisch essen. Für meinen Geschmack eine perfekte Kombination. Wenn ich nicht klettere, relaxe ich im Sommer gerne am Meer, im Schwimmbad oder am See und gehe zum Rennrad oder Mountainbike fahren.

Nun aber zurück zum “Ernst des Lebens”. Was sind deine großen Ziele für 2017?
Ich werde im Winter 2016/17 bei allen fünf Eiskletterweltcups an den Start gehen, um mich für das Highlight im Februar 2017, der Weltmeisterschaft in Frankreich, in Topform zu bringen. Zudem stehen einige DryTooling- und Mixed-Projekte auf dem Programm. Vor allem möchte ich aber öfter in den Dolomiten zum Eisklettern gehen. In den letzten Jahren war ich sehr viel in Kanada und den USA unterwegs, sodass die tollen Herausforderungen direkt vor der Haustür etwas zu kurz kamen.

Bei der Weltmeisterschaft in Frankreich zählst du zu den Anwärterinnen auf den Sieg. In der obersten Liga können nicht viele mitspielen. Wie viel Disziplin ist notwendig, um in der Weltspitze anzukommen?
Gewissenhaftes, ambitioniertes Training – und das seit 15 Jahren – hat mich dorthin gebracht, wo ich heute stehe. Ich sehe mich nicht als Naturtalent, sondern eher als eine Person, die ehrgeizig ist, sehr viel Energie in ihre Passion steckt, sich nicht unterkriegen lässt und nach Enttäuschungen wieder aufsteht und es aufs Neue versucht.

Macht dir das Training immer Spaß oder ist hin und wieder ein Anteil an Quälerei dabei?
Die meiste Zeit gehe ich wirklich gern zum Klettern und Trainieren. Aber es gibt natürlich auch die Tage, an denen ich lieber zu Hause auf dem Divan (ein süddeutscher bzw. südtirolerischer Ausdruck für Couch) liegen bleiben möchte. Aber das bezieht sich auf höchstens 5% meines Trainings. Der Rest macht mir Freude!

Süßigkeiten und Knabbereien können ja bekanntlich auch zur Motivation beitragen. Wie wichtig ist eine ausgewogene Ernährung im Klettersport für dich?
Ich lege großen Wert auf eine ausgewogene Ernährung, halte aber persönlich nichts von Nahrungsergänzungsmitteln. Ich verfolge auch keine strenge Diät. Ich versuch mich gesund und ausgewogen zu ernähren. Da gibt es hin und wieder auch ein Stück Kuchen oder wie jetzt in der Weihnachtszeit Lebkuchen und Plätzen.

Ohne Sponsoren hat man heute kaum eine keine Chance, seine sportliche Leidenschaft zum Beruf zu machen, egal wie erfolgreich oder talentiert man ist. Wie schwer oder zeitaufwendig war die Sponsorensuche für dich bisher?
Ich habe glücklicherweise eine sehr gute und langjährige Zusammenarbeit mit meinen Sponsoren. Sie sind eigentlich alle auf mich zugekommen, nicht umgekehrt. Dennoch weiß ich, dass sich viele meiner Kollegen nicht so leicht tun und das Business kein Zuckerschlecken ist. Auch ich bin aber auf der Suche nach ein oder zwei zusätzlichen Sponsoren und das ist gar nicht so einfach.

Seit 2013 gehörst du zum Berghaus-Athletenteam. Wie sieht die Zusammenarbeit mit deinem Ausrüstungspartner konkret aus?
Ich bin mit Berghaus regelmäßig in Kontakt, schreibe einmal monatlich einen Blog für die Homepage und teste neues Material. Außerdem fliege ich zweimal pro Jahr zu Athleten-Meetings und Workshops im Hauptsitz in England.

Inwiefern bist du auch bei der Produktentwicklung von Berghaus beteiligt?
Alle Athleten bekommen in der Entwicklungsphase der Kollektionen Prototypen zum Testen. Ich nehme die Produkte überall mit hin, zum Training, zu den Wettkämpfen und natürlich mit ins Eis. Ich trage die Produkte bei den unterschiedlichsten Bedingungen und notiere mir, wie ich zurechtgekommen bin. Meine Erfahrungen und Vorschläge kann ich zu jeder Zeit an das Berghaus Entwicklungs-Team weitgeben. Beim den Athleten-Meetings tauschen ich mich dann noch mit den anderen Athleten aus und wir diskutieren mögliche Verbesserungsideen.

Angelikas Empfehlung für Eiskletterrouten in unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden:Anfänger: Eisturm in Rabenstein in Passeier, nahe Meran. Material kann dort ausgeliehen werden. Optimal für den Einstieg ins Eisklettern im Nachstieg.Fortgeschrittene: Martelltal im oberen Vinschgau. Nervenkitzel und Abwechslung für geübte Eiskletterer.Profis: Amphitheater von Vail in Colorado (WI6 bis M14) für fitte Eis- und Mixed-Kletterer

[abx ean=”5027793010844″ description=”Berghaus Rucksack Munro” template=”14661″]

Mehr über Berghaus Limited

Kommentieren Sie den Artikel

Please enter your comment!
Please enter your name here

3 × 4 =