Vorurteil Yoga: sich verrenkende Menschen in Strickstulpen und esoterischer Frauenkram mit Räucherstäbchen und Om-Gesingseusel

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Die Türen meiner Vorurteil-Mediathek standen beim Betrachten meines Weihnachts-Geschenk-Gutscheines für 3 Monate Yin Yoga am Fest der Liebe des Jahres 2015 sperrangelweit offen.

Birgit hatte sich beim Basteln des Coupons total dolle Mühe gegeben und blickte mich erwartungsvoll an: “Na, freust du dich? Toll oder?” Was soll man(n) da antworten, ohne die restlichen Festtage in traurige und enttäuschte Frauenaugen zu blicken? “Nee super, echt. Total toll, ich freu mich wie Bolle. Schade, dass der Kurs nicht schon an den Feiertagen stattfindet…..!” So, Situation bzw. die Feiertage erst einmal gerettet!

Das Geschenk

Ich redete mir das ganze mit Ausgleich zum Trailrunningtraining, Dehnung usw. schön. Sofort wurden die anstehenden Freitagstermine zur Integration in die Trainingspläne von Julia Böttger avisiert. “Klasse, das wird dir gut tun! Ist eine super Ergänzung zu deinem Lauftraining und unterstützt das sehr gut!” war prompt die Antwort meiner Trainerin. Verdammt! Keine Verbündete, die mich bemitleidet oder mir die passenden Argumente zur Nichtteilnahme an dem vermeintlichen Geturne liefert. Hmmmm, was soll ich davon nur halten? Na gut, Mut zur Lücke und los.

Freitag, 8. Januar 2016, 17:30 Uhr ein schöner Übungsraum im Dachgiebel einer Physiotherapiepraxis. Uwe, der Yogalehrer begrüßt mich sehr herzlich. Ich setze gleich einmal eine Duftmarke und erkläre, dass ich Langstreckenläufer sei und den Kurs nur als Ausgleich sehe! Uwe? Wieder ein Vorurteil, das nicht bedient werden will. Ich hatte erwartet, dass mir eine Cosma oder wenigstens eine Timea im Lotussitz gegenüber schwebt und mit verklärtem Blick auf einer Klangschale herumklopft und dabei Mantras vor sich hinsäuselt. Die Realität ist eine andere: Uwe ist ein Mann in den besten Jahren und er passt in keine meiner Vorurteilsschubladen. Er erklärt mir, auf eine sehr angenehme, ruhige und sympathische Weise, was es mit dem Yin Yoga auf sich hat. Das regelmäßige Praktizieren dieser Yogavariante fördere die Flexibilität, harmonisiere den Energiefluss, löse Verspannungen im Körper und auch im Geist, es sei meditativ und entspannend, wirke den Verkürzungen der Bänder und Sehnen entgegen, löse und stärke die Faszien im Körper und – zu guter Letzt – besitze es auch regenerative Wirkungen. Ach ja? Na, da bin ich ja mal gespannt, geistert es mir spontan durch den Kopf.

“Sucht euch einen festen Sitz. Zieht nun zuerst das Sitzfleisch der linken Seite nach außen und dann das der rechten, weitet das Becken und drückt die Sitzhöcker tief in den Boden. Schmelzt in die Matte. Seid gut zu euch, seid nicht ehrgeizig, kommt in euch und der Yogastunde an.” Ich muss mich extrem zusammen reißen und darf auf keinen Fall zu Birgit herüber schauen! Ich weiß, dass, wenn sich unsere Blicke träfen, wir beide nicht mehr an uns halten könnten und lauthals loslachen würden.

Zum Glück ist eine volle Konzentration auf die Übungsanleitung von Uwe notwendig, um nicht den Anschluß zu verlieren. “Die rechte Hand umgreift den linken Unterschenkel, das Becken leicht nach links verschieben, den Körper auf die rechte Seite legen und dabei den Schultergürtel lockern und die linken Rippenbögen in Richtung rechter Schulter ziehen” Hä, wie jetzt? Ich bin überfordert und hilflos. Doch dem sehr aufmerksamen Uwe entgeht das nicht und er kommt und korrigiert bei allen Teilnehmern – ja maskulin, denn es sind neben mir auch noch drei andere Herren mit von der Partie – und selbstverständlich auch bei den anwesenden Frauen die Körperhaltung. Ziel ist es, in den Übungen, die im Anfängerstadium mindestens drei Minuten gehalten werden, alle Muskeln los zu lassen, um so vollständig entspannen zu können.

Um es abzukürzen: nach anderthalb Stunden broken wings, Schmetterling, Baby Frosch, Libelle und unzähligen Drachenvarianten bin ich sowas von durch und fertig, dass mir die finalen 10 Minuten Endentspannung mit Lavendelaugenkissen gerade recht kommen. Auf dem Rücken liegend tauche ich nach kurzer Zeit total weg. Durch die ruhige, angenehme Stimme von Uwe werden alle wieder zurück in den Übungsraum geholt. Wir werden darauf hingewiesen, nach der Yogastunde viel zu trinken, damit die durch die Übungen gelösten Schlackestoffe ausgespült werden können. Des weiteren werden wir gebeten, alle Matten, Decken, Blöcke und Kissen einfach liegen zu lassen: “Seid gut zu euch, Namaste.”

Auf dem Heimweg muss ich mir eingestehen, dass es mir sehr gut getan und auch sehr gefallen hat. Viel mehr noch: ich freue mich schon auf eine Wiederholung am kommenden Freitag! Heute, genau ein Jähr später, ist für mich eine Woche ohne Yoga eine verlorene Woche! Ich praktiziere zur Zeit nach Möglichkeit an zwei Wochentagen Yoga, an dem einen Yin- und an dem anderen Anusara Yoga. Erstaunlicherweise fühle ich mich noch ausgeglichener und gelassener als ich bereits vorher durch das intensive Ausdauertraining war. Mir scheint, als ob ein Gelassenheits-Schieberegler auf Anschlag “Vollentspannt” verschoben wurde. Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass sich meine Gelenkigkeit, Körperhaltung und die Achtsamkeit meinem Sportgerät namens Körper gegenüber sehr deutlich verbessert hat.

Das sich regelmäßig in Yoga üben, stellt aus meiner Sicht für mich und letztendlich für jeden eine Bereicherung dar und hat so gar nichts mit Strickstulpen und Rumgeturne zu tun! Es ist einfach nur schön, sich darauf einzu- und irgendwann in den Übungen auch loszulassen. Seid gut zu euch, Namaste!

Text und Bilder: Alexander Rohleder

 

 

 

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