Mit dem Kanu durch Kanada: 700 Kilometer (viel) (Zeit)-Reise mit Stromschnellen

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©Bild: Christine Waitz

Normalerweise reist Christine Waitz eher im Wettkampf-Modus durch die Welt. Schwimmend, radelnd oder laufend, einzeln oder in Kombination. Dieses Mal jedoch, war die Rotherin ganz ohne Zeitdruck unterwegs. Über dreieinhalb Wochen und 700 Kilometer fuhr sie mit dem Kanu durch Kanada. Hier erzählt die 32-jährige von ihren Eindrücken.

Das Boot schaukelt, man blickt konzentriert auf das Wasser vor sich, um keinen der großen Felsbrocken, die oft nur Zentimeter unter der Wasseroberfläche lauern, zu übersehen. Gleichzeitig versucht man die schier überwältigenden Eindrücke der Umgebung aufzusaugen. Hinter jeder Flussbiegung aufs Neue. Kein Wunder, dass man jeden Abend todmüde in seinen Schlafsack kriecht. Abenteuer-(Zeit-)Reisen sind anstrengend.

Vor über drei Jahren hielt ich ein vergilbtes Foto in der Hand. Es zeigte zwei junge Männer im Kanu. Einer von ihnen machte den fatalsten Fehler überhaupt – in einer Stromschnelle langt er reflexartig an den Rand des Boots, um sich festzuhalten. Dass das Gespann daraufhin kenterte, das weiß ich nur aus der Erzählung. Eine von vielen faszinierenden Geschichten einer Reise nach Kanada. Einer Reise von vier Freunden, die mit dem Kanu fast 700 Kilometer fernab jeglicher Zivilisation zurücklegten, mit Tücken der Gewässer, mit Wind und Wetter, Kälte, Hunger und ganz normalen zwischenmenschlichen Problemen zu kämpfen hatten.

25 Jahre später stehe ich an der Einfahrt eben der Stromschnelle, die ich von dem vergilbten Foto kenne. Neben mir Jörn, einer der Vier, die vor 25 Jahren hier standen. Er gibt die Geschichte gerade nochmals zum besten. Im Angesicht des tosenden Wassers klingt die Sache in meinen Ohren deutlich weniger lustig als zuvor, gemütlich mit einer frischen Tasse Kaffee im Warmen sitzend. Doch jetzt habe ich keine andere Wahl als ins Kanu zu steigen und die Herausforderung anzunehmen.

Man hat immer eine Wahl, meinen Sie? Ganz meine Rede. Hier jedoch, sind die Optionen begrenzt. Denn wir befinden uns nach tagelanger Reise am O’Grady Lake in Kanada, unserem Ausgangspunkt. Das nächste Dorf, ein kleines Indianerdorf mit wohl wenig mehr als einem Dutzend Häusern, liegt rund 650 Kilometer entfernt. Dazwischen nichts als unberührte Natur. Also rein ins Kanu, noch drei Mal das Mantra vor sich hin gesagt (Nicht an den Rand greifen!) und los! So viel sei verraten: Wir meisterten das Wildwasser ohne Probleme.

So begann unsere dreieinhalb Wochen lange Reise über den Nadla, Keele und Mackenzie River. Dreieinhalb Wochen im Freien. Mit über 110 Kilogramm Ausrüstung. Ein echtes Abenteuer in vielerlei Hinsicht. Und eine nicht zu unterschätzende körperliche Belastung. Das wurde mir jedoch erst so richtig im Nachhinein bewusst. „Ich dachte, ihr paddelt fein in der Sonne im Spaghettitop durch das Land,“ meinte eine Freundin zu mir. Schön wär’s. Die Wirklichkeit sieht wie so oft anders aus. Schon am O’Grady Lake lagen die Temperaturen nahe am einstelligen Bereich. Der Nordwind blies eisig und die nahen Berggipfel hatten über Nacht eine weiße Schneedecke bekommen. Der Fluss führte zu Beginn recht wenig Wasser, sodass wir das Kanu öfter im kalten Wasser watend über Untiefen hinwegschieben mussten. Während des Paddelns, wenn man in Bewegung war, nicht allzu schlimm. Doch danach kommt man nicht nach Hause, dreht die Heizung voll auf, stellt sich unter die warme Dusche und kocht sich eine heiße Schokolade. Nein, zunächst sucht man nach einem geeigneten Zeltplatz, der Feuerholz bereit hält und eine ebene Fläche für das Zelt. Das klingt recht simpel, ist jedoch alles andere als einfach im teils felsigen, abschüssigen oder auch nassen Gelände. Dann packt man das Boot aus, sammelt Feuerholz, baut einen Unterstand, schlägt das Zelt auf, macht Feuer. Nicht selten bibbernd und zitternd. Willkommen in der Wildnis!

Die ist, davon abgesehen, mehr als beeindruckend. Die Landschaft: zwischen unendlicher Weite und engen, sich durch das Gestein windenden Flusstälern. Zwischen weichen Hügeln und spitzen, scharfkantigen Schieferfelswänden. Zwischen unendlicher Stille, ohne auch nur ein Vogelgezwitscher, und dem unaufhörlichen Donnern eines hereinfließenden Flusses. Zwischen grauen Pastellfarben an einem Regentag und leuchtend klaren Herbstfarben eines Sonnentages. Die Begegnungen mit Tieren, die man sonst nur aus dem Fernsehen kennt, wie Karibus, Weißkopfseeadlern, Bären, Bibern, Luchsen. Nein, beschreiben lassen sich diese faszinierenden Eindrücke nicht.

Sehr wohl aber unser Tagesablauf. Denn auch mitten im Nichts stellt sich erstaunlich schnell eine Routine ein. Aufstehen, Holz sammeln, Feuer machen, Wasser holen, Kaffee kochen, Frühstück machen – morgens gab es Bannok, ein Brot aus Hefe und Mehl mit etwas Marmelade – abwaschen, Unterstand und Zelt abbauen, packen, das Kanu beladen und ab auf den Fluss. Zwischen zweieinhalb und fünfeinhalb Stunden, je nach Wetter und Fluss-Wegstrecke, waren wir täglich unterwegs, bevor wir ein neues Camp aufschlugen. Klar, nun folgte das Prozedere vom Morgen in umgekehrter Reihenfolge. Je nach Wetter und Ort ging es im Anschluss zum Fischen, Wäschewaschen oder „Baden“ (mehr als den großen Zeh brachte man häufig nicht ins Wasser. Stattdessen nutzte man lieber die Topf-Dusche mit über dem Feuer erwärmten Wasser).

Selbst wenn es danach noch Nachmittag war, fühlte man sich meist erschöpft. „Wovon eigentlich?,“ fragten wir uns zu Beginn. Schnell wird jedoch klar: Kaffee trinken bedeutet eben nicht nur auf einen Knopf drücken und kurz darauf eine heiße, duftende Tasse in der Hand zu haben. Ebenso wie alles andere war es zunächst einmal körperliche Arbeit, nämlich Holz hacken, sammeln oder zerkleinern, Wasser holen und Feuer schüren. Im Anschluss den Kaffee vor herrlicher Kulisse zu genießen, die Zeit zu haben, für wieviel Zeit auch immer – Minuten und Stunden haben hier schließlich keine Relevanz – zu sitzen und einfach nur auf den Fluss oder in den Himmel zu schauen, ist ein unbeschreiblicher Genuss. Meistens.

Denn gelegentlich kam das Nicht-Urlaubs-Ich durch. Das Wettkampf-Ich, das die Dinge am liebsten so perfekt und so schnell wie möglich schaffen möchte. Warum heute nur 2,5 Stunden, wenn man auch drei Stunden Paddeln könnte? Warum das Zelt in Ruhe aufbauen, wenn man sich mit verändertem Vorgehen auch über eine neue Rekord-Aufbau-Zeit (geschätzt) freuen kann?  Irgendwann erkennt man, dass es sowieso egal ist. Denn am Ende geht der Flug nach Hause auch nicht eher, wenn man das Zelt in Rekord-Zeit aufbaut. Manchmal muss man dann über seine eigenen Marotten lachen. Wenn Jörn den Lagerfeuer-Steinkreis kopfschüttelnd anschaut und fragt, ob ich diesen nicht nach Schönheit aufbauen könnte, sondern so, dass er funktioniert. Ertappt.

Im Anschluss an die Nachmittags-Pause wurde über dem Lagerfeuer gekocht. Manchmal Fisch, meist jedoch aus dem mitgebrachten Proviant. Eine Tasse Tee und etwas Schokolade beschlossen auch schon den Abend. Oft war es noch hell, als wir uns ins Zelt verkrochen und fast immer war es schon hell, wenn wir uns wieder aus dem Schlafsack schälten.

Die Highlights dieser dreieinhalbwöchigen Tour sind dabei schwer herauszufiltern. Sofort kommen einem unzählige landschaftliche Höhepunkte in den Sinn. Die elf Karibus, die kurz bevor wir passierten den Fluss durchschwammen. Die Bärenmama mit ihrem Jungtier am anderen Ufer. Die gemeisterten Stromschnellen, aber auch die beiden Male, als wir kenterten. Die Erkenntnis, dass einem das Leben alleine wenn es warm und trocken ist und man keinen Hunger hat, ziemlich perfekt erscheinen kann. Nicht mehr. Die Geschichten, die Jörn von der Tour von vor 25 Jahren erzählte, wenn wir wieder einmal einen Platz passierten, an den er sich erinnern konnte.

Der absolute Höhepunkt der Reise war jedoch die Ankunft an unserem Zielort Norman Wells – und das lag weniger am „Ziel-Erlebnis“, als an den Umständen. Vom reißenden Gebirgsbach zu Beginn entwickelte sich der Fluss hin zum trägen Strom. Auf dem Mackenzie River mussten wir ordentlich Kraft ins Paddel legen, um vorwärts zu kommen. Schon am zweiten Tag hatten wir jedoch so starken Gegenwind und so hohen Wellengang auf dem über ein Kilometer breiten Fluss, dass wir praktisch auf Land getrieben wurden und ein unfreiwilliges Lager aufschlugen. Nach einem Tag mit gutem Wetter ging es uns erneut so: Trotzdem wir mit aller Kraft paddelten, kamen wir kaum mehr vom Fleck. Dabei war das Ziel bereits so nahe!

Der Nordwind brachte uns nicht nur zum Stillstand, sondern zog meist auch eisig-graues und regnerisches Wetter mit sich. Nach dreieinhalb Wochen im Freien dürfte also nur verständlich sein, dass man sich eine echte warme Dusche, ein Zimmer, ein richtiges Bett und ein Festmahl wünscht. Wohlwissend, dass man der Naturgewalt gegenüber völlig machtlos ist, liegt man im Zelt, das Stunde um Stunde im Wind bebt und donnert. Wenn sich dann am nächsten Morgen keinerlei Besserung abzeichnet, sinkt die Stimmung, ebenso wie das Thermometer, Richtung Gefrierpunkt. Wenn dann der kleine rote Sturkopf (ich) auf biegen und Brechen weiter fahren möchte, gibt es auch mal Streit. Zwei Mal unternahmen wir an diesem Tag den Versuch gegen die Wellen und den Gegenwind anzupaddeln. Vergebens. Am Ende schlugen wir  entnervt und erschöpft nur noch unser Zelt auf und verkrochen uns in unsere Schlafsäcke.

Erst die letzten Schokoladen-Reste glätteten zumindest die Stimmungs-Wogen. Als Jörn dann gegen halb zehn Uhr abends noch einmal mit einem „Hilft ja nichts“ aus dem Schlafsack kroch und mit der Frage zurück kam, wie es mir denn ginge, war klar, wir würden die verbleibenden 24 Kilometer noch an diesem Tag in Angriff nehmen. Denn der Wind hatte sich hörbar gelegt, das Wasser hatte sich beruhigt, doch am Horizont schien die nächste Front bereits aufzuziehen. In Minuten packten wir unser Boot und zogen uns so warm an wie nur möglich. Noch vor zehn Uhr waren wir auf dem Fluss.

„Das wird jetzt entweder richtig gut, oder richtig scheiße,“ meinte Jörn, als wir ablegten. Es sah gut aus. Die untergehende Sonne kämpfte sich durch Wolken-Reste und verwandelte das Wasser in ein Gold und Dunkelblau glitzerndes Mosaik. Plötzlich frischte der Wind wieder auf. Wir knurrten beide einen Fluch vor uns hin und waren kurz darauf mehr als erleichtert, als er sich wieder legte. Dafür brach langsam die Dunkelheit herein. Noch war kein Mond zu sehen. Ich fühlte mich, als säße ich auf einem schaukelnden Jahrmarktkarussell und führe im Kreis. Glücklicherweise sah man in der Ferne bereits die Lichter von Norman Wells und glücklicherweise hatte ich einen Reisepartner, dem ich voll vertrauen konnte.

 

Dennoch war die Dunkelheit nervenzehrend. Ohne Sicht auf das Ufer hatte man keine Ahnung, wie schnell oder langsam man unterwegs war. „Kommen wir überhaupt vom Fleck?“ „Da war wieder etwas Wind! Stehen wir nun wieder?“ Erst, als am rechten Ufer Straßenlaternen auftauchten, bemerkten wir, dass es zügig voran ging und wussten, nicht mehr lange, und wir wären am Ziel. Doch noch etwas zog unsere Aufmerksamkeit auf sich: eine merkwürdig aussehende Wolke zu unserer Linken. Plötzlich begann sich die Wolke grünlich zu verfärben und zu bewegen. Wir paddelten weiter, erwarteten jeden Meter den Ponton, unser Ziel. Auf diesen letzten Kilometern  spielte der Himmel über uns zum Willkommenskonzert auf. Nordlichter zogen in grün und rosa wie eine Licht-Symphonie über uns hinweg. Wir konnten uns kaum entscheiden zwischen jubeln, bestaunen, paddeln, zittern und dem Ausschau-Halten nach unserem Ziel, das wir kurz darauf erreichten. Ein Uhr Nachts war es, als wir zitternd und überwältigt unter Nordlichtern unser Zelt am Pier aufschlugen.

Wenn so eine einmalige Reise mit so einem unvergesslichen Spektakel ihren Abschluss findet, wird einem wieder bewusst, wie glücklich man sich schätzen kann, so etwas erleben zu dürfen. Und wie oft ich selbst unzufrieden bin, auch wenn es kaum Grund dazu gibt. „Die eigentlichen Entdeckungsreisen bestehen nicht im Kennenlernen neuer Landstriche, sondern darin, etwas mit anderen Augen zu sehen,“ sagte Marcel Proust.

Text und Bilder: Christine Waitz

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