Im Härtetest: Unna von Hilleberg oder eine Zeitreise zurück ins Jahr 1985

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©Alexander Rohleder

Wir sind mit dem Unna von Hilleberg auf Zeitreise gegangen, wie als Teenie mit dem Mofa unterwegs gewesen und haben uns gewundert, wie wir das damals eigentlich ausgehalten haben. Mit dem Unterschied, dass die Revival-Tour mit einem 1A Zelt stattgefunden hat und genau das auch die Tour gerettet hat.

Sommer 1985: Aus den Boxen des Gettoblasters dröhnt “The Power Of Love” von Huey Lewis And The News. Ein Freund hat es geschafft, an der Tankstelle einen 6er Träger Bier zu organisieren. Das Zelt, ein sehr einfaches, nach Schimmel stinkendes (weil selbstverständlich feucht eingepackt und so im Keller vergessen) Firstzelt  ist gepackt und die Maschine mit feinstem Gasolin im 2Takt-freundlichen Mischverhältnis 1/50 vollgetankt.

©Alexander Rohleder

Das war der Auftakt zu der wahrscheinlich weltbesten Mofatour meines Lebens. Jung, wild und einfach nur mega grün hinter den Ohren, startete ich zur ersten Campingtour ohne Begleitung eines Erwachsenen. Das Ziel: der vom Wohnort des Mofa-Rockers ca. 45 Kilometer entfernte Edersee. Für mich damals der Nabel der Welt, die Côte d´Azur von Waldeck-Frankenberg. Ein Abenteuer, das in seinen Einzelheiten und resultierenden Konsequenzen bis heute nicht mit den Erziehungsberechtigten besprochen wurde… .

Sommer 2018: Aus der Bluetooth-Box  erklingt mit glockenklarem Sound „Perfect“ von Ed Sheeran.  Das Bier kann ohne Vorzeigen des Personalausweises direkt gekauft werden und das Puch Maxi Mofa ist, wie damals (da war es allerdings ne Malagutti Ronco), wieder vollgetankt. Einzig 33 Lebensjahre mehr auf dem Buckel und dieses Mal ein ordentliches Zelt im Gepäck lassen diese Tour von der von damaligen unterscheiden.

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Ich will es nochmal tun! Mit dem Mofa, quasi back tot the roots, auf große Tour gehen oder besser gesagt: fahren. Als Nachtlager dient mir dieses Mal allerdings ein richtiges Zelt. Ein Zelt für Erwachsene! Und was für eines! Mit auf den Trip geht das Hilleberg UNNA. Das Zelt der Red Label Serie, entwickelt für den Ganzjahreseinsatz von zum Beispiel erfahrenen Rucksacktouristen oder eben auch für Youngtimer wie mich, die es nochmal wissen wollen.

©Alexander Rohleder

Schnell gebremster Eifer
Die Bezwingung der durch einen Wohnortwechsel zu fahrenden knappen 100 Kilometer bis zur Edertal-Staumauer ist eine Tortur! Mit durchschnittlich 20 KM/h (zu höheren Geschwindigkeiten fehlt mir im Gegensatz zu den 1985er Jahren heute einfach der Mut und das Vertrauen in die Technik) geht es also an einem Samstag in aller Herrgottsfrühe los. Nach knapp 10 Kilometern vergeht mir die Lust! Mir tut alles weh und ich habe das Gefühl, wie eine Zapfsäule zu riechen. Anders als früher, muss ich mir im Jahre 2018 nichts mehr beweisen oder schön reden. Ich biege links in einen Feldweg ab und suche mir ein schönes Plätzchen zwischen den Feldern. Auch wenn ich von hier aus eigentlich zu Fuß wieder nach Hause laufen könnte, verführt mich der Gedanke an eine Nacht im Hilleberg Unna doch zu einem Biwak im Freien.

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Nullkommanix Aufbau
Aufgebaut ist das Unna sehr intuitiv, so dass es eigentlich gar nicht der gut verständlichen Aufbauanleitung bedarf. Noch Zuhause hatte ich das Aufbauvideo auf der Internetseite von Hilleberg in erwartungsvoller Vorfreude auf das bevorstehende Abenteuer angeschaut und sogar noch einige wertvolle Ratschläge, wie zum Beispiel das Sichern des Zeltes beim Aufbauen durch Festbinden am Rucksack etc., verinnerlicht. Ausrollen, die beiden 9mm DAC Featherlite NSL Alugestänge zusammenstecken und nacheinander in den Stangenkanälen der sehr strapazierfähigen, doppelseitig beschichteten drei Lagen 100% Silikon Kerlon 1200 Außenhaut fixieren. Mit Hilfe der Gestängespanner nachspannen, Schwuppdiwupp steht das Unna frei und sehr stabil in der Landschaft.

©Alexander Rohleder

Die freistehende Kuppelbauweise benötigt zwar eigentlich keinen, der im Lieferumfang befindlichen 12 V-Peg Aluminium Heringe zum Aufbau des Zeltes, dennoch empfiehlt es sich, das Unna mit diesen zu sichern. Die sechsfache reflektierende Sturmabspannung mit den sehr einfach zu bedienenden „Seilspannern“ lässt das “kleine“ (was Unna in der Sprache der skandinavischen Ureinwohnern, den Samen, bedeutet) nach deren Fixierung  mit den  verbleibenden 6 V-Pegs sicher wie einen Fels in der Brandung stehen. Wow, der Aufbau war in weniger als sechs Minuten absolviert!

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Für kleines Gepäck reichlich Platz und Wetterschutz
Im Gegensatz zu anderen Modellen, wie zum Beispiel dem Enan (siehe Testbericht vom 02. August 2017), verzichten die Zeltdesigner aus Frösön beim Unna bewusst auf eine Apsis. Der Innenraum bietet mit 2,5 m² aber mehr als genügend Raum für einen Mofa-Rocker samt Gepäck, 6er Träger Bierchen, Helm und Stiefeln. Reist man mit kleinem Gepäck, genügt das Platzangebot des knapp 2.000g leichten Zeltes locker auch für zwei Radfahrer*innen, Paddler*innen, Pilger*innen, Festivalteilnehmer*innen und wer weiß für wen noch.

©Alexander Rohleder

Die Nacht verbrachte ich dann wohl behütet im sehr gut zu belüftenden Unna. Fast hätte ich mir gewünscht, dass ein ordentliches Gewitter aufzieht, nur um die Dichtigkeit der mit einer Wassersäule von 5.000 mm getesteten Kerlon 1.200 Außenhaut, in diesem tollen Zelt zu erleben. Das durfte ich dann später noch bei weiteren Touren erleben. Unter anderem auf längeren Touren mit einem vierrädrigen und sehr komfortablen und schnellem Mobil. Mit Frau, ohne Bier, dafür einem erlesenen Rotwein aus echten Gläsern, dort wo es richtig warm sein sollte, Gewitter und Regen für viel Romantik und Nähe im Zelt sorgten, und wir ausschließlich mit vom Angstschweiß durchnässten Klamotten im Zelt lagen. Das Unna jedenfalls hält jedem Wind und Wetter stand. Außen und Innen.

©Alexander Rohleder

Unna sei Dank
Doch zurück zu meiner Revival-Mofa-Tour im schönen Nordhessen. Der am kommenden Morgen anstehende Abbau des Equipments verlief erwartungsgemäß flott und unkompliziert. Heringe raus, Gestänge behutsam aus den Gestängekanälen rütteln, ausschütteln, einrollen – fertig. Mein persönliches Fazit: Die Idee, noch einmal wie mit 15 mit dem Mofa auf große Tour zu gehen, ist aus dem Hang zur Bequemlichkeit und fehlender Leidensfähigkeit mehr oder weniger gescheitert. Aber das Zelten mit dem Unna war an einfach klasse.

Fazit:
Daumen hoch für: Gewicht (2,0 kg netto, 2,2 kg brutto), die sehr gute, verständliche Aufbauanleitung, eine hervorragende Verarbeitungsqualität, dem sehr schnellen Auf- und Abbauen und somit perfekt für häufige Standplatzwechsel geeignet. Daumen runter einzig und alleine dafür, dass trotz des hohen Anschaffungspreis (UVP: €740), Stangenhalter, um das Innenzelt separat aufstellen zu können, nur als Zubehör extra zu erwerben sind (UVP: €31).

Mehr über Hilleberg the Tentmaker AB

Überblick der Rezensionen
Auf- und Abbau
10
Platzangebot
10
Packmaß
10
Qualität
10
Vielseitigkeit
9
Preis-Leistungsverhältnis
9

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