Hast du schon mal einen Sonnenaufgang und -untergang in den Bergen erlebt? Ich meine mittendrin und nicht aus dem Fenster des Hotelzimmers. Ja? – Dann weißt du ja, wovon ich spreche. Nein? Dann wird es allerhöchste Zeit!

Foto: Ingemar Müller

Ich jedenfalls durfte diesen wunderbaren Moment am vergangenen Wochenende inmitten des Naturschutzgebietes Hohe Tauern in Österreich im Rahmen des Großglockner Ultratrail 2019 erleben. Wenn das tiefe Schwarz der Nacht sich langsam verzieht, eine Traumkulisse enthüllt und die von den Anstrengungen der Nacht gezeichneten Gesichter nun auch ohne Stirnlampe für jeden sichtbar wird, schon alleine dann wird man von seinen eigenen Emotionen übermannt.

Die nunmehr 5. Auflage des Großglockner Ultratrail startete am Freitagabend pünktlich um 22.00 Uhr vor einem beeindruckenden Hintergrund. Start des Ultratrails über 110 Kilometer mit beeindruckender 6.500 Höhenmetern und das Ziel für alle Distanzen befinden sich auf dem Parkplatz der Maiskogel Bahn. Hier gibt es ebenfalls die Kontrolle der Pflichtausrüstung sowie die Startunterlagen vor dem Rennen. Alles schön dicht beieinander und gut zu erreichen. Insgesamt gehen in diesem Jahr 1800 Starter aus 40 Nationen auf die verschiedenen Distanzen. Zur Auswahl stehen 30, 50, 75 und eben die 110 Kilometer lange Strecke. Für jeden begeisterten und erfahrenen Trailrunner ist also etwas dabei. Gute Trittsicherheit und Kondition sollte man allerdings für alle Distanzen mitbringen. Auf der langen Strecke wird zusätzlich ein Qualifikationslauf gefordert, der nicht länger als zwei Jahre zurück liegen darf und mindesten vier ITRA Punkte eingebracht haben muss. Aufgrund der schlechten Wetterprognosen wird der Start der 50 km um eine Stunde vorverlegt und später wird vom Organisations-Komitee beschlossen, dass die 75Km Strecke verkürzt wird und mit der 50 Kilometer-Distanz gestartet wird.

Davon bekommen die Teilnehmer auf der 110Km Distanz allerdings erst einmal nichts mit. Wir sind schließlich bereits seit dem Freitagabend um 22.00 Uhr unterwegs. Auf der Wettkampfbesprechung wurde uns versprochen, dass wir zumindest trocken durch die Nacht kommen. Das klappt nicht ganz, ein erster Schauer geht kurz nach dem Start über uns hinweg. Trotz der über 400 Teilnehmer auf dem Ultratrail, erkenne ich im Schein meiner Stirnlampe schon bald bekannte Gesichter von diversen anderen Trailveranstaltungen. Die Szene ist immer noch überschaubar, aber vor allem lockt der GGUT mittlerweile echte Ultratrail-Liebhaber an.

Man kommt schnell ins Gespräch, verliert sich wieder aufgrund des unterschiedlichen Tempos und trifft sich irgendwann im Laufe des Rennens wieder. Der Beginn ist bis auf wenige Meter hinaus aus Kaprun zunächst wellig und nach einem erstem Stau an einer seilversicherten Passage auch gut zu laufen. Zu gut für mich, vergesse ich doch bei der Plauderei mich an meinen ursprünglichen Plan zu halten und es locker angehen zu lassen. Wie vorauszusehen rächt sich das zu hohe Anfangstempo dann schon nach wenigen Kilometern. Der Aufstieg zur Pfandlscharte hat es in sich. 1400 Höhenmeter am Stück über technisch anspruchsvolles Gelände mit einem ca.300m langen Schneefeld als Sahnehäubchen. Der folgende Downhill ist ebenfalls nichts für schwache Nerven. Rutschig, mit Schnee – herrlich, das ist genau mein Ding. 

Doch schon am Glocknerhaus wird mir klar, dass es heute für mich kein Zuckerschlecken wird. Nach kurzer Stärkung geht es noch kurz talwärts bevor es wieder steil bergauf Richtung Pfortscharte geht. An diesem höchsten Punkt der Strecke bin ich völlig entkräftet und muss mir, bevor ich ein extrem steiles Geröllfeld überquere, erst einmal eine kleine Auszeit nehmen. Ein paar Minuten Entspannung im Gras, bevor ich mich aufraffe, die nächsten  Kilometer in Angriff zu nehmen. Da sind sie wieder diese Hochs und Tiefs, die man auf solchen langen Strecken immer wieder durchläuft. Wie ich später erfahre, ergeht es den meisten meiner Mitstreiter ähnlich. Die anspruchsvolle Strecke und das Terrain findet seine Opfer, für niemanden, der hier an den Start geht, ist es einfach. Die technisch anspruchsvollen Passagen und die steilen An- und Abstiege kosten Kraft und Nerven. Allerdings ist die Streckenführung schlichtweg ein Traum, die Ausblicke entschädigen für jede Qual und jeden hart erkämpften Meter.  

Nach einem etwas längeren Stop an der Lucknerhütte brechen wir in einer kleinen Gruppe auf, um die nächsten gut 12 km bis Kals zu bewältigen. In Kals bekommen wir unsere Dropbags und eine warme Mahlzeit. Frisch gestärkt mache ich mich nun wieder allein auf den Weg Richtung Kalser Tauern. Wir werden von den Streckenposten, von denen insgesamt 400 an der Zahl im Einsatz sind, freundlich darauf hingewiesen dass es auf Grund von Gewittern in den nächsten 2 Std. ziemlich ungemütlich werden kann, dürfen aber zunächst noch weiter laufen. Auf dem Weg zum Kalser Tauernhaus sind erste Donnerschläge zu hören, allerdings noch ein gutes Stück entfernt. Doch kurz bevor ich das Kalser Tauernhaus erreiche, kommen mir erste Teilnehmer entgegen und erzählen mir vom Rennabbruch. Das ist natürlich für jeden von uns bitter in diesem Augenblick, aber es ist die einzig richtige Entscheidung, die zu unserem Wohle getroffen wird. Auch wenn es schmerzt, nicht die komplette Strecke absolvieren zu dürfen und stattdessen das Ziel im Bus zu erreichen, angesichts des Unwetters, das über den Gipfeln tobt, kann man nur froh sein, unbeschadet den Naturgewalten entkommen zu sein. Außerdem ist aufgehoben nicht aufgeschoben: Für mich steht fest, dass der GGUT, der im kommenden Jahr vom 24. -26. Juli stattfinden wird, ganz oben auf meiner Liste steht. Der Lauf besticht mit einer traumhaften Kulisse, mit einer fantastischen Atmosphäre und einer perfekten Organisation, die auch in Krisensituationen den Überblick behält und besonnen ganz im Zeichen der Sicherheit für alle Teilnehmer handelt. Im nächsten Jahr werde ich also die mir bekannten Streckenabschnitte noch einmal genießen und hoffentlich die letzten 40 Kilometer der Ultratrail-Strecke entdecken dürfen.

Foto: Ingemar Müller

Trotz oder vielleicht auch gerade wegen des Rennabbruchs werden wir belohnt. Zunächst mit einem alkoholfreien Bier, später mit einer Medaille, die in meiner Sammlung einen Ehrenplatz verdient. Der GGUT war einfach ein grandioses Erlebnis, für dessen Organisation und Durchführung den vielen freiwilligen Helferinnen und Helfern sowie dem Titelsponsor Dynafit ein ganz großer Dank gebührt. Wer jetzt meint, sich sofort anzumelden, dem sei allerdings mit auf den Weg gegeben: Man sollte wissen, worauf man sich einlässt, denn der GGUT ist wirklich technisch und äußerst anspruchsvoll und nicht umsonst einer der härtesten Ultratrails in den Alpen.

 

Text: Ingemar Müller

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