Trophée des Montagnes 2017 – Hochspannung in den Bergen

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© Emmanuele Cottin

Edgar hat meine Socken gemopst und trägt sie stolz spazieren, Finn macht den Poser und blinzelt mich mit seinen stahlblauen Augen an – entspannte, lustige Hunde. Nichts lässt erahnen, dass die beiden Jungs gemeinsam mit Herrchen Marko vor einer Woche zum zweiten Mal in Folge den zweiten Rang im Gesamtklassement bei der Trophée des Montagnes belegt haben.

In lockerer Atmosphäre sitzen wir im Garten und Marko lässt das angesehene Canicross-Rennen in Frankreich nochmal Revue passieren. Einmal mehr kommen geballte Gefühle bei mir an. Vielleicht weil Tiere mit im Spiel sind? Ganz sicher, Hunde setzen bei vielen Menschen Emotionen frei, aber Finn und Edgar sind eben doch keine ganz gewöhnlichen Hunde. Sie haben eine Aufgabe, eine sinnvolle, die ihr Leben ausfüllt. Und dürfen dabei doch so ganz Hund sein und werden ihrem Naturell entsprechend gefordert und gefördert und ausgelastet.

64 Kilometer, rund 3500 Höhenmeter, 10 Etappen in 8 Tagen an 5 Standorten, 270 Starter-Teams von denen 230 das Ziel erreichten: Das ist die Trophée des Montagnes in Zahlen. Doch auch wenn es ein Wettbewerb ist und es natürlich auch um Platzierungen, Minuten und Sekunden geht, ist Canicross eben doch mehr als nur „Laufen mit Hund“. Insbesondere die Trophée des Montanges ist quasi die Tour der France der Canicrosser. Dass die Franzosen sportbegeistert sind und wunderbare Rennen im Lauf- Trail- und Radbereich auf die Beine stellen ist kein Geheimnis. Und so lebt auch diese Canicross Veranstaltung von guter Organisation, wundervoller Landschaft und eben von Hunden und Menschen. Sicherheit und das Wohl von Mensch und Tier stehen hier im Vordergrund und so beobachtet man entlang der Strecke und im Start-und Zielbereich nicht nur Sanitäter, sondern auch Tierärzte, die gegebenenfalls direkt zur Stelle sind.

Gefragt ob es das eine Highlight der diesjährigen Trophée des Montagnes gab, antwortet Marko: „Der Gewinn, das wäre das eine Highlight gewesen. Nachdem das ja nicht der Fall war, gibt es für mich keinen einzelnen speziellen Moment, sondern mehrere. Der Gewinn der ersten Etappe mit Finn war einer dieser Momente. Oder auch der Gewinn der vorletzten Etappe mit Edgar. Gewinnen ist eben ein Highlight. Aber nicht nur das, sondern auch das gute Gefühl, mit jedem Hund einen ganz besonderen Moment, sprich die ganz besondere Etappe gefinished zu haben.“ Ehrgeiz spricht aus diesen Worten und gleichzeitig aber auch Empathie und Stolz – mehr auf die Hunde als auf sich selbst. Marko’s Ehrgeiz würde niemals zu Lasten der Hunde gehen.

Weil die Entscheidung bei der Trophée des Montagnes zu starten, in diesem Jahr erst sechs Wochen vor dem Start erfolgte, waren die Vorbereitungen intensiv. Das Training richtig zu strukturieren und konzentriert zu bleiben, das ist es, worauf es im Vorfeld eines solchen Etappenrennens ankommt. „Die Hunde haben sich im Vergleich zum letzten Jahr stark verbessert, wir haben uns gemeinsam weiter entwickelt, alles funktioniert zu 100 Prozent, die Kommandos sitzen.“ Gefragt, warum er mit zwei Hunden am Start ist, berichtet Marko, dass er seinen Hunden wegen der Härte der Etappen auch Ruhepausen gönnen möchte, damit diese sich besser regenerieren können. Auch wenn beide Hunde am liebsten jeden Tag laufen würden, so muss doch Mensch entscheiden, was dem Hund zugemutet werden soll. Physisch sind gut trainierte Hunde auf jeden Fall in der Lage um ein komplettes Rennen wie die Trophée des Montagnes zu bestreiten, aber das entscheidet jeder Starter für sich.

64 Kilometer in 10 Etappen, das hört sich für reine Läufer vielleicht nicht nach so viel an, selbst wenn man die Höhenmeter betrachtet, aber die Etappen haben es in sich. 4 Kilometer ist die kürzeste, 8 Kilometer die längste Etappe, größtenteils technisch sehr anspruchsvoll mit Steigungen und Gefälle von bis zu 25 %, Singletrails, Wege also, die höchste Konzentration erfordern. Es verwundert nicht, dass bei der Trophée des Montagnes nur wirklich sportliche Menschen mit ihren bestens trainierten Hunden unterwegs sind. Dabei ist es aber trotzdem kein elitäres Feld, sondern es sind Sportler, die sich darüber bewußt sind, was sie tun, die koordinative Fähigkeiten besitzen und über Trittsicherheit verfügen.

Jeder ist sich hier um die Verantwortung für sich selbst und die Hunde bewußt. Der Umgang im, vor und nach dem Wettkampf ist fair, freundlich und international. Sprachbarrieren werden mit Händen und Füßen überwunden und Hunde sprechen ohnehin alle dieselbe Sprache, sie kennen weder Vorurteile noch Rassismus und auch Rasse macht vor Freundschaften bei den Vierbeinern nicht Halt. Letztlich sind es die Hunde, die im Mittelpunkt einer Canicross Veranstaltung stehen. Auch wenn die einzelnen Etappen meistens nicht vor 10 Uhr und teilweise sogar Nachts gestartet werden, so sieht man schon früh morgens die Athleten, wie sie ihre Hunde fit für den Tag machen, sie vorbelasten, ihnen genügend Flüssigkeit zur Verfügung stellen und auch nach dem Rennen, gilt es mit den Hunden auszulaufen, sie gegebenenfalls zu massieren und natürlich für energiereiche Ernährung und genügend Ruhe zu sorgen. Ein Fulltime-Job.

Dabei wohnen die allermeisten Teilnehmer in Zelten oder Wohnwagen, naturnah eben. Viele haben ihre Familien mit dabei und unter anderem sieht man einen ehemaligen Sieger der Trophée des Montagnes, der gemeinsam mit seinem Sohn in’s Rennen geht. Canicross lässt sich eben auch mit Familie vereinbaren.

© Christine Nglm

Die diesjährige Auflage der Trophée des Montagnes verlangte allen Beteiligten, bedingt durch ständig wechselnde Witterungsbedingungen, besonders viel ab. Außer Schnee, der allerdings nur wie Puderzucker auf den Berggipfeln zu sehen war, gab es nichts was es nicht gab. Von strahlendem Sonnenschein mit sommerlichen Temperaturen über Gewitter mit Hagelschauern, bis hin zu Kälte, Nebel und anhaltendem Regen, zeigte das Wetter seine gesamten Facetten. Aber auch das oder gerade das macht Outdoorsport aus, dem Wetter die Stirn bieten. Der Verlauf des Rennes war ein Krimi, das spannenste Etappenrennen in dessen Geschichte. Lukáš Tassler und Marko Schlittchen lieferten sich bis zur letzten Etappe ein heisses Kopf-an-Kopf-Rennen um den Gesamtsieg, waren immer nur wenige Sekunden voneinander entfernt. Eine einzige Sekunde trennten Marko und Lukáš vor der 10. und letzten Etappe. Ein Wimpernschlag. Das glücklichere Ende hatte schlussendlich Lukáš, Marko blieb erneut der zweite Rang gesamt.

 

Den Sieg in der Altersklasse liess sich Marko nicht nehmen. Dafür erhalten die Athleten einen handgetöpferten Pokal, einzigartig wie die Trophée des Montagnes eben. Für die Hunde gibt es Futter als Trophäe, freut sie wahrscheinlich auf mehr als getöpferte Ware. Alle Finisher erhalten ein Shirt mit dem eigenen Namen und dem der Hunde, eine wunderschöne Idee und eine besondere Erinnerung.

Nach einem kleinen Fazit zur Trophée des Montagnes 2017 gefragt, antwortet Marko: „Von der Trophée des Montagnes zehre ich noch lange. Ich bin glücklich, müde und erschöpft. Es ist ein intensives Erlebnis, nicht nur Wettkampf, sondern ein Naturerlebnis mit dem Hund, ein Abenteuer.“

 

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