Michael Göhner – charismatisch, charakterstark, chaotisch

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Foto: Mathis Leicht

Der 1980 geborene Baden-Württemberger Michael Göhner fällt im bunten Triathlonzirkus nicht durch schillernde Farben auf, vielmehr glänzt er durch Leistung, Fairness, gesunde Selbsteinschätzung, einen guten Humor und – wie er selbst sagt – ein wenig Chaos.

Genau diese Mischung macht den Triathleten so sympathisch. Was von außen nicht wirklich sichtbar ist, Michael hat Ecken und Kanten. Er macht sein Ding, niemals rücksichtslos, aber aus tiefster Überzeugung und aus einem guten Gefühl von tief innen heraus. “Ich mache den Sport für mich, es ist mir egal, was andere davon halten”, so antwortet der 36-jährige auf die Frage, ob er weiß, was andere davon halten, dass er dieses Jahr wieder im Langdistanz-Treiben der Triathleten aktiv dabei sein wird. Ignorant? Nein! Selbstschutz, das hat er gelernt, denn Neider und Schwätzer gibt es überall. Und schließlich geht es nicht darum, was irgendjemand meint oder denkt, sondern es geht um die Kilometer, die an dem einen Tag abgespult werden. Und um die Freude beim Sport, denn die ist für Michael Göhner der Grund für sein Sportlerleben.

Bei Michael Göhner wurde das sportliche Interesse nicht vererbt. Als Kind nahmen seine Eltern ihn und seinen Bruder lediglich zweimal wöchentlich zum Gesundheitssport auf einen Trimm-dich-Pfad mit. Begeistert war er davon nicht gerade, aber Sport interessierte ihn auch damals schon. So schloss er sich einem Fußball- und Handballverein an. Hier bewegte er sich, traf Kumpels, war aber nicht Feuer und Flamme. Im Alter von 13 Jahren kam er mehr oder weniger zufällig zur Leichtathletik. Im Rahmen des Projektes “Zeitung macht Schule” hatte er die Ehre, ein Interview mit Olympiasieger Dieter Baumann zu machen. In diesem Zusammenhang erzählte Michael beiläufig, dass er unter 3 Minuten auf 1000 Meter im Schulsport unterwegs war. Dies wiederum kam dem Trainer des TSV Genkingen zu Ohren und der meldete sich bei Michael und holte ihn in die Leichtathletikabteilung des Vereins. Der junge Michael Göhner fing Feuer, trainierte leistungsorientiert, war schnell erfolgreich, hatte Spaß an den Wettkämpfen und es sah so aus, als hätte er seinen Sport im Mittel- und Langstreckenlauf gefunden.

Doch bei aller Freude am Sport sollte eine solide Ausbildung nicht außer acht gelassen werden. 1999 machte Michael sein Abitur und absolvierte im Anschluss erfolgreich eine Ausbildung zum Bankkaufmann und Finanzplaner. Seinen ersten Marathon lief Michael 2001 in Berlin in einer sensationellen Zeit von 2:23:35 Stunden. Nach diesem Paukenschlag wollte ihn der damalige Bundestrainer direkt in’s Profilager holen. Michael Gönner träumte von internationalen Einsätzen, wollte die Welt laufend bereisen, aber mit einer Norm von 2:12 Stunden war das zu dieser Zeit und auch realistisch betrachtet in naher Zukunft nicht möglich. Michael hatte viel in das Laufen investiert und auch einige Niederlagen einstecken müssen und so entschied er sich nicht nur gegen den Profisport, sondern auch gegen die Leichtathletik und kehrte dieser den Rücken zu.

Sein Beruf forderte viel von ihm. 40 bis 45 Stunden arbeitete der Bankkaufmann und nebenher entdeckte er für sich ganz privat, zunächst nur als reinen Freizeitsport, das Mountainbike. Schnell packte ihn jedoch sein Ehrgeiz und er fand so viel Gefallen daran, dass er auch in dem Bereich Wettkampfluft schnuppern wollte und das ein oder andere Rennen fuhr. Doch nach einem Jahr war er damit nicht mehr ausgefüllt, er wollte wieder mehr im Sport erreichen. Triathlon, das schwebte schon lange durch seinen Kopf. Einmal nach Hawaii, sein ganz großer Traum.

Seite an Seite mit Thomas Hellriegel bei einer Laufveranstaltung
Foto: privat

Im Rahmen einiger Laufwettbewerbe an denen er teilgenommen hatte, begegnete ihm immer wieder Hawaii-Sieger Thomas Hellriegel. Und Michael war – zumindest auf einer 10 Kilometer Laufstrecke – schneller. Und so wurde aus Gedanken, Träumen und einem Zufall aus Michael Göhner ein Triathlet. Das er Laufen kann, wusste er. Radfahren machte ihm Spaß und auch da waren die ersten Mountainbike Rennen schon gut gelaufen. Fehlte einzig einer, der ihm das Schwimmen beibringen konnte und wollte. Diesen Jemand fand Michael in einem über 75-jährigen Schwimmlehrer und Seniorenweltmeister aus dem Dorf, der ihn gerne unter seine Fittiche nahm. Dieser brachte Michael nach Methoden “der alten Schule” das Element Wasser nahe. “Sehr hart, aber sehr effektiv und mit ausgesprochen viel Spaß beim Training”, so beschreibt Michael seine fast vierjährige Zusammenarbeit. Ziel war bei allem Training der Ironman, einer sollte es sein. Und natürlich noch der auf Hawaii, falls die Qualifikation geschafft würde.

2004 stand Michael Göhner bei seinem ersten Ironman in der Schweiz am Start. Unerfahren und chaotisch, wie er sagt. So hatte er den Zeitmesschip im Hotel vergessen und seine damalige Freundin und jetzige Frau war sehr gefordert, diesen noch pünktlich zum Start herbeizuholen. Zur Vorbereitung des Wettkampfes hatte er neben dem Training lediglich einige wenige Kurztriathlons und den Maxdorf Triathlon gemacht. Bei dieser Mitteldistanz zeichnete sich seine Extraklasse schon ab, denn er wurde Zweiter hinter Normann Stadler. Schmunzelnd berichtet er: “Diesen ersten Ironman machte ich ohne Socken und wunderte mich nicht schlecht als sich nach einigen Laufkilometern die Schuhe sich rot färbten. Bei kürzeren Distanzen war das ja nie ein Problem. Aber einmal und nie wieder Langdistanz ohne Socken.” Der Schwabe gewann seine Altersklasse und qualifizierte sich für die Weltmeisterschaften auf Hawaii. Michael’s Traum sollte sich schneller erfüllen, als er gedacht hatte. Es ist kein Geheimnis, dass er auch auf Hawaii 2004 seine Altersklasse gewann und sich den Weltmeistertitel in der Altersklasse M 18-24 sicherte. Gefragt, ob dies sein emotionalster Moment war und ob der große Traum von Hawaii sich wirklich erfüllte, antwortet er: “An europäischen Standards gemessen ist beispielsweise die Siegerehrung meiner Meinung nach einer Weltmeisterschaft nicht würdig. Eine ‚Parkplatz-Idylle‘, die ihre Stimmung aus der Dunkelheit zieht.” Hart aber ehrlich. Er erklärt: “Jeder der schon einmal auf Hawaii war weiß, wie stark der Regen dort ist, da bleibt nichts trocken. Und da die Siegerehrung, so schön das auch ist, unter freiem Himmel stattfindet, fällt sie dann eben bei schlechtem Wetter im wahrsten Sinne des Wortes quasi in’s Wasser und jeder ist darauf bedacht, möglichst schnell den Ort zu verlassen und in’s Trockene zu kommen. Darunter leidet die Stimmung natürlich sehr. Die Insel an sich ist aber ein Traum.” Der Traum von Hawaii hatte sich zwar erfüllt, aber war doch so ganz anders als erwartet.

Es schien, als ob Michael alles gelingen könnte nach diesem schnellen und doch für die meisten überraschenden Erfolg beim Langdistanz Triathlon. Michael Göhner beschloss, die Leidenschaft zum Beruf zu machen, hängte Anzug und Krawatte an den Nagel und startete seine Profilaufbahn im Triathlon. Wie sich herausstellte, eine sehr gute Entscheidung, denn Michael konnte in den folgenden Jahren seine Extraklasse immer wieder unter Beweis stellen. Podiumsplätze bei vielen Langdistanzen, unter anderem beim Ironman Frankfurt, Österreich, Wales, Wisconsin und Südafrika und der 18. Rang beim Ironman auf Hawaii stehen zu Buche. Mehrfacher Deutscher Meister ist Michael im Wintertriathlon und auch Deutscher Meister im Duathlon.

Sieg in Roth 2009
Foto: Michael Rauschendorfer

Und natürlich sein emotionalstes Rennen bei der Challenge Roth 2009. Mit einer Zeit von 7:55:53 Stunden flog er quasi als Sieger in’s Ziel. Überrascht hat er sich damit nicht nur selbst, sondern auch Konkurrenten und Experten. Normann Stadler und Pete Jacobs, die auf dem Papier vermeintlich stärker waren, ließ er beim Marathon hinter sich. Michael schwärmt: “So einen Flow wie bei diesem Marathon habe ich davor noch nicht erlebt und auch danach nie wieder. Ich bin einfach gerannt, habe keinen Gedanken an die Distanz verschwendet. Es war einfach mein Tag. Wenn und aber gibt es nicht, die Tagesform bestimmt das Rennen.”

Nach diesem Sieg rückte der Altenburger in’s Rampenlicht, was er eher als schwierig empfand und trotz sehr guter Leistungen und Platzierungen fehlte das berühmte i-Tüpfelchen. Natürlich blieb auch Michael nicht von der ein oder anderen Blessur verschont, wie beispielsweise 2009 auf Hawaii, wo er bei einer Trainingsausfahrt von einer Sturmböe erfasst und über die Leitplanke geschleudert wurde und mit dem Pick-Up Truck eines netten Hawaiianers zur Unterkunft zurück transportiert wurde. Während er das erzählt, huscht ein Lächeln über sein Gesicht. Das er aufgrund dieses Sturzes das Rennen auf Hawaii nicht beenden konnte, wiegt für Michael weniger, als das Erlebnis der Begegnung mit dem unglaublich hilfsbereiten Einheimischen. Es sind eben im wahrsten Sinne des Wortes oft die Kleinigkeiten entlang des Weges, die das Leben ausmachen. Zu einer großen Kleinigkeit wurde dann eine Unachtsamkeit beim Ironman Zürich 2014, wo Michael in der Wechselzone barfuß gegen einen Radständer prallte und sich am rechten Fußgelenk und an der Ferse verletzte. Dass dieser kleine Moment so viel mit seinem Leben machen würde, hätte niemand erwartet, am wenigsten Michael selbst. Der Fuß wollte und wollte nicht schmerzfrei werden, mit Stoßwellen-Ultraschall- und Physiotherapie wurde behandelt. Diverse Ärzte wurden konsultiert, doch an schmerzfreie Bewegung war nicht zu denken. “Nach einem Jahr und einem ständigen Auf und Ab wie auf einer Achterbahn, verlor ich die Nerven und entschied mich zu einer Operation. Die absolute Fehlentscheidung meines Lebens”, so Michael Göhner. Nach der Operation wurde es nicht wie gehofft besser, sondern noch schlechter. Der Fuß war geschwollen und die Schwellung ließ einfach nicht nach, genau wie die Schmerzen. Sechs Wochen war er im Rollstuhl unterwegs. “Ich wollte nur noch schmerzfrei leben, egal ob mit oder ohne Sport. Ich habe mich in der Zeit verändert, das war psychisch komplett schwierig für mich und sicher war es auch schwer für meine Familie und Freunde”, so der Rückblick des Triathleten. Der Besuch bei einem Freund in Südtirol sollte im Januar 2016 völlig unerwartet die Wende in das Leben des zwischenzeitlich hoffnungslosen Michael bringen. Sein Freund stellte Michael einem Physiotherapeuten vor Ort vor. Der behandelte ihn und schickte ihn laufen. Es funktionierte und das war der Wendepunkt. Zuhause in Deutschland konsultierte der zweifache Familienvater Dr. Dehoust am Ammersee, der ihn zuvor auch schon behandelt hatte und gemeinsam mit ihm kam er wieder in die Spur, zurück zum Sport. Zwar langsam, aber stetig und schmerzfrei. Einen Weg zurück in seinen Job bei der Bank kann der Finanzplaner sich überhaupt nicht mehr vorstellen. Sein Leben ist der Sport und deshalb möchte er auch nach seiner aktiven Zeit dem Sport treu bleiben.

Heute trainiert Michael Göhner von der LG Steinlach Zollern e.V. in enger Zusammenarbeit mit Manuel Wyss, der ihm neuen Input gibt und mit dem er seine Trainingspläne abstimmt, die er im übrigen selbst erarbeitet. Trainer hatte er genug, sagt er und von jedem konnte er etwas mitnehmen, was ihm das Gestalten der eigenen Trainingspläne ermöglicht. Der Vorteil liegt auf der Hand, denn er kann genau so planen, wie es in sein Familienleben passt. Wie beispielsweise das Schwimmtraining im örtlichen Verein am Samstag morgen, wo Tochter und Sohn auf der Nebenbahn schwimmen und danach die Brötchen für’s gemeinsame Frühstück eingekauft werden. Ganz normales Familienleben eben. Und wenn es mal an Zeit fehlt, erhöht der Triathlet einfach die Intensität. Flexibilität zugunsten des Privatlebens ist der Gedanke dahinter.

“Ich habe das Gefühl eines Jungen, der die Karriere noch vor sich hat und ich habe mehr Lust auf Triathlon denn je, denn ich weiß was mir fehlte”, mit diesem Statement stellt Michael Gönner klar, dass seine Karriere als Triathlet noch lange nicht beendet ist. Hochmotiviert und zuversichtlich, mit vielen Zielen vor Augen, jeder Menge Spaß beim Training und ein klein wenig Bammel nach so langer Abstinenz auf der Langstrecke wird Michael dieses Jahr beim Ironman Hamburg und vielleicht noch bei der Challenge in Roth am Start stehen. “Wenn ich noch einige Jahre Langdistanz Triathlon auf hohem Niveau machen kann, dann ist es wie ein Sieg für mich.” So einfach kann ein Sieg aussehen.

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