Im Härtetest: Enan von Hilleberg oder ein Zelttest in 3 Disziplinen

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Auf dem Dachboden tummeln sich viele Zelte, aber ein Hilleberg, das ist etwas, wenn “man groß ist”! Unserem Tester Alexander kam das Enan gerade recht.

Vorneweg sei folgendes erwähnt: Ich bin ein Zeltfetischist par excellence. Auf dem heimischen Dachboden tummeln sich Exemplare aller Preisklassen, Konstruktionsformen und Baujahren. Vom Discounte-Iglu bis zum amerikanischen Ein-Personen-Wigwam mit aufzippbarer Sternenkanzel am Kopfende ist alles dabei.

Von keinem könnte ich mich ohne Not trennen, erzählt doch jedes von erlebten Abenteuern, mancher brenzliche Situation, fantastischen Reisen und tollen Orten. Und damit ist auch schon erklärt, was ein Zelt für mich darstellt: Refugium, Wegbegleiter, Geschichtenerzähler und schlussendlich ein Stück Heimat auf unerkundeten Wegen. Jedes Zelt auf unserem heimischen Estrich steht für eine Epoche, für ein teilweise aufgegebenes Hobby, für eine oder mehrere großartige Reisen, Lebensabschnitte. 

Der Test:

Ein Hilleberg war bis dato allerdings noch nicht mit von der Partie. Warum auch immer bin ich immer nur ehrfürchtig um unterwegs gesehene Exemplare herumgeschlichen. Irgendwie nach dem Motto: “Wenn ich mal groß bin, ja dann…”! Was für Eigenschaften müsste ein neues Zelt mitbringen, damit ich diesem nach erfolgreicher Nutzung ein Platz auf dem hiesigen Speicher anbieten würde:

• Es müsste universell einsetzbar und somit zukunuftsicher sein, da ich im Laufe der Jahre schon einige, sich teilweise auch wieder ändernde Einsatzbereiche für meine Stoffherbergen durchlebt habe
• Es müsste in jedem Fall sehr leicht und kompakt sein
• Altersbedingt, ich bin ja nun auch keine 20 mehr, sollte es komfortabel sein. Sprich, leicht auf- und abbaubar und bequem zu beziehen und zu verlassen (besonders in der Nacht, wenn der alternde Teilzeitabenteurer mehrmals zum Pipi machen raus muss – es gibt für mich nichts Schlimmeres als den gemütlich warmen Schlafsack verlassen zu müssen um aus dem Zelt zu kriechen. Ist der Ausstieg dann mit einer undurchdachten Ein- und Ausstiegsluke versehen; Desaster inklusive Kondeswasserdusche im Kopf-Nackenbereich)
• Zuverlässig muss es sein! Hierbei werden keinerlei Kompromisse eingegangen
• Eine Apsis wäre unabdingbar!
• Es sollte Raum für ein bis maximal zwei Abenteurer bieten
Auf was könnte ich verzichten?
• Wintertauglichkeit ist für meine persönlichen Einsatzbereiche nicht notwendig.
• Unnötiger Schnickschnack der nicht der Sicherheit dient.

Ergo sind wir beim aktuellen Test des Hilleberg Enan angelangt. Die Internetseite des schwedischen Zeltspezialisten preist das Testobjekt wie folgt an:

• Kerlon 1000 Außenzeltgewebe und 9mm-Gestänge bilden ein sehr leichtes und dennoch stabiles Zelt
• 3-Saison-Konstruktion: die Belüftung ist im Design integriert und die Netzbereiche sind nicht bedeckt
• die einbögige Konstruktion bietet ein ausgezeichnetes Raum/Gewichts-Verhältnis und ist hervorragend geeignet für Reisen mit täglichen Lagerplatzwechseln
• bietet viel Raum für eine Person samt deren Ausrüstung
• gekoppeltes Innen- und Außenzelt beschleunigen den Aufbau
• benötigt nur 6 Heringe zum Grundaufbau: je 2 an den Ecken von Kopf- und Fußende und jeweils einer an deren Abspannleinen, durchgehende Stangenkanäle mit einseitiger Öffnung und Justierung ermöglichen einen schnellen Aufbau und festen Stand
• der leicht zugängliche Apsideneingang bietet viel Raum für die Ausrüstung
• eine optionale Zeltunterlage deckt genau die Fläche des Außenzeltes einschließlich der Apsiden, diese wird direkt in das Zelt eingehakt und muss zum Abbau nicht entfernt werden

 

Das hört sich doch sehr vielversprechend an! Laut Beschreibung wird meine persönliche Wunsch-Eigenschaftsliste sogar noch um eine passende Zeltunterlage ergänzt. Fein, damit entfallen dann auch die nassen Füße beim nächtlichen Pipitrip. Das angegebene Gewicht von knapp 1200g scheint mir auch mehr als geeignet für meine priorisierten Einsatzbereiche, die da wären: Motorradreisen,Trailrunning, Pilgern in Begleitung des Rüden Ede. Und genau aus diesen drei Disziplinen setzt sich mein Test-Triathlon des Hilleberg Enan zusammen.

Lesehinweis: Wer Lust und Zeit zum Lesen hat, liest einfach weiter. Wen nur die Ergebnisse meines Test-Triathlons interessieren, überspringt die Textpassagen und begnügt sich mit den entsprechenden Fazits.

Erste Testdisziplin – Motorradreisen: Ende Mai brechen mein Kumpel Ralf und ich zu einer Wiederholung unserer bereits legendären jährlichen Herrentour auf. In diesem Jahr wollen wir die sagenumwobene Via del Sale in den ligurischen Seealpen mit unseren in Wendlingen bei Stuttgart getunten Zweiventilern einer Bayerischen Motorradschmiede bezwingen. Zwei Hubraumstarke Mopeds, zwei Abenteurer, ein Zelt! Ein Zelt? Genau! Ralf hat, nachdem er von mir von dem Hilleberg Test gehört hat, sein Zelt Zuhause gelassen. “Ein Zelt reicht doch”, war seine spontane Erklärung. Im Prinzip richtig, aber bei dem Enan handelt es sich um ein so genantes Solomodel, also um ein Ein(mann-)personenzelt! Die erste Testhürde für den Testprobanten steht somit fest: reichen die 1,7m² Innenzeltfläche sowie die 0,8m² Aspisfläche auch für zwei Erwachsene als reine Übernachtungsgrundlage? Unser erstes Nachtlager schlagen wir auf der, nach einem Erdrutsch gesperrten und nicht regulär befahrbaren, “Strada ex-militare Monesi-Tenda” in der italienischen Provinz Imperia auf. Dieses nach Limone im Pimont führende Sträßchen bildet eine von drei möglichen Einstiegen auf die Ligurische Grenzkammstraße oder, wie die Italiener sagen, die Via del Sale. Neben der Abbruchkante einer gesamten Straßenkehre der ex-militare, die nach den verheerenden Regenfällen im November 2016 auf einer Länge von ca.15 Metern um gut 3 Meter abgesackt war, bauten wir in nicht einmal 5 Minuten das Zelt auf (wow!). Die Kulisse erschien uns mehr als abenteuerlich und somit als sehr gut geeignet. Immerhin wollten wir ja auch ein paar aussagekräftige Fotos für diesen Testbericht knipsen.

Die Frage, ob in der Nacht hier jemand vorbeikommen könnte stellte sich uns auf Grund der folgenden Begebenheiten nicht: aus Richtung Monesi di Triora ist die Straße komplett verbarrikadiert und von oben kann in der Nacht wohl auch keiner kommen. Der Aufbau des Enan gelingt intuitiv und bedarf eigentlich nicht der sehr übersichtlich gestalteten Aufbauanleitung im Piktogrammstil. Bei dem steinigen Boden kommen die mitgelieferten neu entwickelten  Y-Peg UL Heringe aus gehärtetem Aluminium mit Y-Querschnitt (die kleinere Variante des Y-Peg) jedoch schnell in den Grenzbereich des möglichen. An der Stelle hätten wir uns die zuhausgebliebenen Titannägel gewünscht. Sehr gefallen hat uns die schwarze Farbe des Außenzeltes die ja eigentlich laut Beschreibung nicht schwarz sondern grün sein sollte (eine spätere Rückfrage in Schweden brachte dann die simple Erklärung: ist nicht schwarz, sieht nur so aus! Die Materialbeschaffenheit des Außenzeltgewebes Kerlon 1000 ergibt in  Verbindung mit der auf der Außenseite einfach und auf der Innenseite doppelt aufgebrachten  Silikonbeschichtung eine hohe farbliche Verdunklung der Zeltaußenhaut mit sich).Nach einem Fläschchen Vermentino, den wir uns zur Einstimmung auf La Dolce Vita einverleiben, kriechen wir in unser Nachtlager.Fazit: das Platzangebot genügt bei entgegengesetzter Schlafposition vollkommen für zwei weinmüde Weltenbummler.Die Frage “wer sollte hier schon nachts vorbeikommen” hätten wir uns doch mal stellen sollen.

Um 1:30 Uhr werden wir von ca. 6 bis 8 hardcore fahrenden Kamikazeenduropiloten geweckt die in halsbrecherischer Manier nur durch das dürre Licht einiger Helmlampen geleitet, ca. einen Meter neben unserem Zelt die offroad geschnippelte Kehre (die es ja eigentlich durch den Erdrutsch nicht mehr gibt) passieren.Emporgerissen vom Jaulen und Dröhnen der Motoren, versuchen wir panisch das Zelt zu verlassen. Bis wir im Dunklen alle Reisverschlüsse geöffnet hatten, war die Meute auch schon drei Kehren tiefer im Tal. Mangels Fahrzeugbeleuchtung, Geschwindigkeit der Enduros und der Farbgebung des Hilleberg steht eines für uns fest: die Piloten des durch die schwarze Nacht gerasten Trosses können uns nicht wahrgenommen haben! Pazzamente! Noch nachhaltig vom Erlebten beeinflusst, steht selbst jetzt noch beim Verfassen dieses Berichtes für mich fest, dass das Enan unbedingt neben der am Eingangsreißverschluss sowie an den Lüftungsöffnungen zwei befindlichen reflektierenden Attributen noch etwas obendrauf verordnet bekommen sollte! Die Mitte Juni auf der Outdoor 2017 vorgestellten und ab Herbst diesen Jahres bei Hilleberg im Zubehörsortiment erhältlichen 3mm hoch UV resistenten Abspannleinen mit einem eingearbeiteten1mm Reflektorfaden sind jedenfalls schon mal ein Anfang. Egal ob Nähte, Schlaufen oder die erwähnten Abspannleinen, irgendetwas sollte im Scheinwerferlichtkegel eines italienischen Hardcoreenduristi “reflektieren”. Hervorzuheben ist das hervorragende Belüftungskonzept das die Schwedischen Konstrukteure in ihren Zelten verbauen. Obwohl von zwei Erwachsenen genutzt konnte nicht einmal der durch die Endurorabauken hervorgerufene Angstschweiß Ausstoß der ersten Nacht das Klimamanagement des Hilleberg an seine Grenzen bringen.

Die zweite Nacht im Enan verbrachten wir dann im Schutze der Mauern des 1880 von den Italienern errichteten Forte Centrale. Bis zum Jahre 1947 diente dieses imposante Bauwerk der italienischen Grenzsicherung am Cole di Tenda, wurde aber nach Abschluss des Friedensvertrages zwischen den Franzosen und den Italienern im besagten Jahr 1947 und der daraus resultierenden Grenzverschiebung hinter das Fort, für die italienischen Alpini unbrauchbar und steht seit dem verlassen auf 1871 Metern Höhe.”Wer soll hier schon Nachts vorbei kommen?”, hatte nach den Erlebnissen der ersten Nacht eine neue Bedeutung für uns. Aus diesem Grund war die Standortwahl für das nun durch uns in Dorothea umgetaufte Enan sehr wichtig.Der Abbau von Dorothea am folgenden Morgen war auch in nur wenigen Minuten vollbracht, so dass auch dieses Testkriterium ein Doppel Daumenhoch verdient. Knapp sechs Minuten inklusive ausschütteln und komprimierten zusammenrollen, da kommt Freude auf. Einzig die Länge der zusammengefalteten Bogenstange trübt mit ihren 43 cm etwas die Kompaktheit des Zeltpaketes. Wäre das Gestänge kürzer zu falten, käme ein Verstauen im Motorrad-Tankrucksack problemlos in Frage. So muss das gute Stück wieder, in der allerdings sehr kleinen, Gepäckrolle sein Plätzchen finden. Motorradreisetauglichkeit: 👍👍👍

Zweite Testdisziplin – Trailrunning: Dorothea findet in einem speziellen 20 Liter Laufrucksack eines im Annecy ansässigen Sportartikel Herstellers ihren Platz. Auch hier wäre eine kompaktere Faltbarkeit des Zeltbogens wünschenswert um eben diesen mit im Inneren des Laufrucksacks verstauen zu können. Das Gewicht geht hingegen auf den für den Test ausgewählten vier Etappen des hessischen Jakobsweges vollkommen in Ordnung. Nach den ersten beiden Etappen, die an einem Tag gelaufen wurden, baute ich Dorothea nach knapp 40 Kilometern Trailrunningspaß am späten Nachmittag im Schutze eines blühenden Rapsfeldes am Wegesrand auf. Die Zeit des Aufbaus pendelt sich mit nun schon etwas Übung bei unter 5 Minuten ein. Sehr gut, denn mit den durch das Rennen müde gewordenen Knochen wollte ich so schnell wie möglich mein Nachtlager errichten. Nach einer sehr erholsamen, durchgeschlafenen Nacht kann ich konstatieren, dass das Platzangebot für eine Person samt Laufequipment mehr als ausreichend und komfortabel ist. Der Abbau und das Verstauen gehen sehr fix von der Hand, so das sich das Hilleberg diese Testetappe mit einem 2-fach-Daumenhoch sichert. Drei Daumen gäbe es bei der schon erwähnten kürzeren Bogengestängefaltbarkeit. Trailrunningtauglichkeit: 👍👍

Dritte Disziplin – Wandern/Pilgern mit Hund: Unser Rüde Ede wird kurzerhand zum Zelttester berufen und darf auf einer Etappe auf dem neu  eingerichteten Luther 1521 Pilgerweg seinen tierischen Senf zum Test dazugeben. Das Enan, alias Dorothea, wird zu diesem Zweck ohne das Innenzelt, also nur mit der Außenhaut und der passenden 255g schweren Zeltunterlage verwendet. So ergibt sich ein Raumangebot von zusammenhängenden 2,5 m² bei einem Transportgewicht von nicht einmal 1000g, was einer vollen Flasche 0,5 Weizenbier gleichkommt. Die Nacht mit unserem immerhin 21 Kilo schweren Ede als Zeltpartner verläuft sehr ruhig, was sicherlich auch damit zu begründen ist, dass er sich im Hilleberg sichtlich wohl fühlt und die nächtliche Nähe zu seinem Pilgerkollegen genießt. Auch an der Stelle möchte ich nochmals die hervorragende Luftzirkulation im Inneren des Enan hervorheben (ich gehe davon aus, dass alle Hundebesitzer wissen, warum ich diese nochmals explizit erwähnt habe!). Hundetauglichkeit: 👍👍👍

Fazit:

Das Hilleberg Enan ist ein top verarbeitetes High-End-Zelt, was für jedes nur denkbare Abenteuer im Einsatzbereich eines Drei-Jahreszeiten-Zeltes perfekt geeignet ist. Aufgrund seines überragenden Qualitäts/Gewichtsverhältnisses ist es besonders für alle Einsatzbereiche, bei denen es auf Packmaß und Gewicht ankommt, hervorragend geeignet. Sollte nun noch die Bogenfaltbarkeit sowie das Thema 3M™ Scotchlite™ Reflective Material im schwedischen Frösön gehör finden, gäbe es von mir sogar 👍👍👍👍!

PS:  Bevor die Frage aufkommt, warum ich das Test Zelt Dorothea getauft habe, kommt hier die simple Antwort: Dorothea Viehmann war Anfang des 19. Jahrhunderts eine wunderbare Geschichtenerzählerin und nachweislich eine der wichtigsten Inspirationsquellen der Gebrüder Grimm. Und wie schon, in meiner Einleitung erwähnt, ist ein Zelt für mich mehr als nur Obdach auf Reisen, es ist Teil von diesen und trägt erheblich dazu bei, Geschichten von diesen zu erzählen.

PPS: Dorothea bekommt selbstverständlich ein Plätzchen auf dem heimischen Dachboden. Dort ersetzt sie zwar keines der vorhandenen Kollegen, kann sich aber auf viel, viel Arbeit in der kommenden Zeit einstellen. Es wollen noch viele Geschichten gemeinsam erlebt und erzählt werden!

PPPS: Es passt auch hervorragend in das Reisegepäck einer zum Beispiel Namibia Reise und kann im Falle einer allzu hitzigen Kartenlesekompetenzdiskussion mit dem Reisepartner oder der Reisepartnerin eine weiterführende Auseinandersetzung verhindern, in dem es als Rückzugsraum zum Abkühlen eines Gemütes genutzt werden kann; selbst in der Gluthitze einer Wüste.

 

Text und Bilder: Alexander Rohleder

Mehr über Hilleberg the Tentmaker AB


Überblick der Rezensionen
Auf- und Abbau
10
Platzangebot
10
Packmaß
9
Vielseitigkeit
9
Preis-Leistungsverhältnis
9
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