5 Fragen an Hanka Kupfernagel, professionelle Radsportlerin
1.) Du zählst zu den Radprofis, die den deutschen Frauen-Radsport maßgeblich in wirklich allen Facetten geprägt hat. Wann hast Du zum ersten Mal an einem Cyclocross-Rennen teilgenommen und was hat Dich maßgeblich zum Querfeldein-Radsport gebracht?
Ich kam im Herbst 1985 zum Radsportverein und da verpasste man mir gleich ein Rennrad mit Crossbereifung, denn in Thüringen konnte man sich in jenen Zeiten darauf verlassen, dass der Winter kam - mit Schnee und Glätte und allem, was dazu gehört. Wir Mädchen fuhren damals zwar noch keine Cross Rennen, hatten aber fast jedes Wochenende Crossläufe und trainierten mit den älteren Jungs ein- bis zweimal pro Woche im Gelände. Meine erstes richtiges Rennen fuhr ich in Frankfurt am Bornheimer Hang 1998. Vorher, also seit dem Winter 1993, war ich auf vielen Rennen mit meinem Bruder Stefan unterwegs, betreute ihn im Material Depot und lernte mich mit Ellenbogen, Gummistiefeln und flinken Füßen gegen die erfahrenen Mechaniker der Szene, gegen Kälte, Schlamm und Schnee durchzusetzen. Damals stand man ja noch im wilden Haufen in einer kleinen Wechselzone und musste, nachdem die Fahrer passiert hatten und es zum Radwechsel kam, zum nächsten Depot rennen und zwischendurch, wenn man Glück hatte, noch das Rad an einem Wasserschlauch säubern. Heutzutage gibt es große Wechselzonen, angelegt als Doppeldepot, wo jeder seine eigene Box hat und 2-4 Kärcher zur Verfügung stehen, so dass man als Mechaniker schnell mal kalte Füße und Langeweile bekommt. ;-) In jenen 5 Wintern habe ich immer Cross trainiert und sehnte mich dann auch danach, selbst Rennen zu fahren und zu sehen, wo man im Vergleich zu anderen Frauen steht. Die erste WM konnte ich dann gar nicht erwarten. Nachdem man uns schon Hoffnungen für 1999 gemacht hatte, fand die erste Cross WM dann doch erst im Januar 2000 in St Michelsgestel statt.
2.) Warum kann sich der Cyclocross-Sport in Deutschland kaum etablieren, während er im benachbarten Belgien und den Niederlanden im wahrsten Sinne des Wortes ein echter Renner ist?
Das werde ich so oft gefragt und viele schauen mich erwartend dabei an, als hätte ich das Lösungskonzept in meiner Jackentasche und will es nur nicht herausgeben. Ich erkläre dann gern, meine Sicht auf die Dinge: In
Deutschland haben wir viele erfolgreiche Wintersportler - olympische Disziplinen wie Eisschnelllauf, Biathlon, Langlauf, Bob und Rodeln, dann noch Skispringen, Eishockey usw. Damit sind die Medien jedes Wochenende beschäftigt. Radquerfeldein ist, seit Mike Kluge seine Karriere beendete, aus dem deutschen Sportfernsehen für lange Zeit verschwunden. 2005 wurde die WM in St.Wendel live vom SWR übertragen, es war trockenes, eisiges, aber schlammfreies Wetter und ich konnte zur Überraschung den Weltmeistertitel holen. Schöne Bilder, 25.000 Zuschauer und ein Happyend, das ein Neuanfang für den deutschen Crossport werden sollte. Da die Disziplin nicht olympisch ist, kamen keine zusätzlichen Förderungen, sondern die bestehenden wurden noch reduziert. Zuletzt hörte ich, dass das Budget vom nationalen Verband für diese Disziplin in unserem wirtschaftlich erfolgreichen Land gleich Null ist. Schade! Denn nur 100 Kilometer weiter in Belgien und Holland ist Cross ein richtiger Wirtschaftszweig - aber dort gibt es eben weniger Schnee und damit weniger klassische Wintersportler, mit denen sich die Crossfahrer den "Medienkuchen" teilen müssten. Ich sehe aber eine tolle Entwicklung: Nachdem St.Wendel 2011 die zweite WM ausrichtete und auch die EM in Deutschland stattfand, gibt es mehr Crossveranstalter wie in Lorsch, Frankfurt, Kleinmachnow, die immer professioneller werden. Teilnehmerzahlen bei Rennen in Norddeutschland explodieren und viele Jedermänner kommen dazu. Der Deutschlandcup bekommt immer mehr Ausrichter. Nun müssen wir nur noch die internationalen Fahrer nach Deutschland locken.
3.) Das grundsätzliche Interesse am Radsport in Deutschland ist angesichts der vielen engagierten Radfahrer on und off road ungebrochen und eigentlich steht die Medienpräsenz in keinem Verhältnis zu den internationalen Erfolgen deutscher Radsportler und Radsportlerinnen Warum spielt Deiner Meinung nach der MTB- oder Cyclocross-Sport in den deutschen Medien eine solch untergeordnete Rolle?
Man hört immer wieder, dass Radsport generell nur mit großem Aufwand zu übertragen ist. Das möchte ich aber als alleinigen Grund nicht gelten lassen. Biathlon hat einen ähnlich lange Strecke und auch die Wettkampfzeit und die Spannung ist ähnlich wie beim Cross. Hiesige TV Sender haben zwar wenig Erfahrung mit Cross, könnten aber von unseren belgischen Nachbarn lernen. Ein einwöchiger Lehrgang und zwei Besuche beim WC und man weiß alles und muss nicht erst eigene Fehler machen - reduziert die Produktionskosten. :-) Das Hauptproblem sehe ich darin, dass die Welt- und Europameisterschaften im MTB und Cross immer nur an einem oder zwei Tagen stattfinden - nur eine einzige Disziplin, eine einzige Chance für den Sportler, nur einmal im Jahr Weltmeister zu werden. Danach ist alles vorbei. Um als Beispiel beim Biathlon zu bleiben: Dort geht die WM über eine ganze Woche und jeder Weltcup umfasst mehrere Wettbewerbe. Einzel, Mannschaft, Mix, Jagdrennen, Sprint, damit baut man beim Zuschauern eine riesige Spannung auf und am Ende der Woche, weiß wirklich jeder in Deutschland, dass Biathlon WM ist und unsere größten Helden werden jeweils 5x Weltmeister. Es ist wie eine Rundfahrt - ist man in guter Form und gesund, dann läuft es auch eine ganze Woche gut! Noch eine wichtiger Punkt: der Aufwand für die TV Übertragung lohnt sich dann erst recht, weil man ja länger vor Ort ist. Ich denke da sollte unser Weltverband mal überlegen, ob es nicht an der Zeit ist, den Radsport in dieser Richtung zu reformieren - wäre sicherlich auch wirtschaftlicher - wirklich schade nur, dass bis zur Umsetzung dieser Idee soviel Zeit vergangen ist, dass ich dann nicht mehr in den Genuss komme, 5 WM Medaillen in einer Woche zu gewinnen. Na ja, vielleicht als Coach. :-)
4.) Ist Cyclocross aus Deiner Sicht als Profi ausschließlich ein Thema für ambitionierte Radsportler oder wie siehst Du das Thema für Breiten- und Fitness-Sportler? Haben die Crossbikes das Potential, zu echten Rennern für die Hersteller auch im Handel zu werden?
Ich habe gehört, vor allem von meinem langjährigen Sponsor Stevens, dass sich Crossräder aller Preiskategorien in den letzten Jahren extrem gut verkaufen. Selbst ein Freund und Geschäftsführer der Radwelt Gera sagt, dass er
5.) Was macht für Dich persönlich den Reiz an dieser Art des Radsports aus und wirst Du jemals auf die Starts bei den Querfeldein-Rennen verzichten?
Faszination Cross in Kürze: Natur, sportliche Vielseitigkeit, Taktik, Materialintensität, Teamwork, begeistertes und nahes Publikum. Beim Cross muss man sich immer wieder auf neue Situation einstellen: Die Strecke verändert sich im Laufe des Rennens und man muss eine neue Linie suchen. Auch wenn die Wettkampforte gleich bleiben - das Wetter macht es immer wieder anders. Man muss sich mit dem Material beschäftigen, Reifen, Bremsbeläge, Laufräder, Brille werden je nach den äußeren Bedingungen gewählt. Ja selbst die Unterwäsche und Handschuhe - da darf es mir bei diesem intensiven Sport nicht zu warm aber natürlich auch nicht zu kalt sein. Viele Dinge an die man beim Packen des Fahrzeugs vorm Renn- Wochenende denken muss: Zum Beispiel werden meine Shimano Schuhe je nach Streckenzustand mit handgefertigten Spikes versehen. Der Sport selbst hat für mich auch den Reiz, dass man als Einzelkämpfer absolut topfit und vielseitig sein muss, um ein Rennen zu gewinnen. Man kann sich hier nicht im Feld verstecken und sich darauf verlassen, dass die Teamkollegen absichern. Es ist eher wie ein Einzelzeitfahren, bei dem alle gleichzeitig auf die Strecke gehen. Deshalb ist auch Taktik mit im Spiel. Dein Team sind deine Mechaniker oder Freunde, die im Depot stehen oder auch an der Strecke und auf die du dich zu 100 Prozent verlassen musst. Ein Radwechsel zum richtigen Zeitpunkt oder ein Hinweis über veränderte Fahrlinie kann wie beim Autorennen manchmal über den Sieg entscheiden. Doch das am meisten faszinierende im Gegensatz zu all den anderen Radsportdisziplinen sind die Fans und Zuschauer. Man ist als Athlet auf Armlänge so dicht am Zuschauer dran, wie man es nur bei Bergankünften der Tour de France sieht. Diese Stimmung und Energie im ganzen Rennen und jedes Wochenende zu bekommen, lässt mich die lange Vorbereitung, Kälte, Schmerz und Druck oft vergessen. Cross hat so viele interessante Seiten - für die Fahrer sowie für Zuschauer und ich habe so oft erlebt, wie Leute die vorher nichts von dem Sport wussten, nach einem Rennen, das sie live erlebt hatten, total begeistern waren. Ich hoffe, ich darf diese tolle Atmosphäre noch oft erleben.
Biografie Hanka Kupfernagel:
www.hanka-kupfernagel.de







